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Mélanie Hubers ungewöhnlicher Tschechow:
Tableau Vivant
... Mélanie Huber beginnt mit einer entschiedenen Parteinahme für das Komische. Wenn der Kaufmann Lopachin (Tobias Graupner), dessen Vater noch als Leibeigener auf dem Gut gearbeitet hatte, das erste Mal vorschlägt, den alten Kirschgarten abzuholzen, erstarren alle zu einem Tableau. Solche leitmotivischen Tableaus strukturieren den Ablauf der Aufführung und dienen als visuelle Interpunktion. Wenn sich das Ensemble in choreographierter Reihe wie erschöpft auf Stühlen zurücklehnt, entspricht das einer Haltung, die für Tschechow, über den "Kirschgarten" hinaus, kennzeichnend ist.
Kurz vor der Pause ändert sich Mélanie Hubers Ansatz. Wenn die Ranjewskaja nicht wahrhaben will, dass die Zeit der Gesellschaftsschicht, der sie angehört, abgelaufen ist, wird die Inszenierung ernst. Tschechow mag auf Komik insistiert haben: Stanislawskis Missverständnis hat sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Ganz möchte auch die junge Schweizer Regisseurin nicht darauf verzichten, und ihre Entscheidung überzeugt. Mit einem verstörenden Akkord am Klavier und dem Reisenden, der nach dem Weg zum Bahnhof fragt, bricht, sehr modern, das Unheimliche herein.
Dann hat Lopachin seinen großen Auftritt. Er hat das Gut ersteigert. Er triumphiert: "Jetzt ist es mein Kirschgarten." Aber er spricht den Satz mit leiser Stimme und zitternder Hand. Darauf folgt ein langes Schweigen der Ranjewskaja. Ein großer Moment der Inszenierung.
- Nachtkritik, 13.04.19

Langer Applaus für die jüngste Schauspielpremiere: Am Theater St.Gallen inszeniert Mélanie Huber mit einem jungen Frauenteam Tschechows «Kirschgarten». Es gibt viel zu schauen und zu entdecken, auch zu lachen.
...Tschechows Figuren halten sich nicht mehr aus mit sich selbst und in ihrer Zeit. Alles ist zum Aus-der-Haut-Fahren... Die Not ist hier in die Körper gefahren, mit Lopachins hilflos baumelnden Armen, Ljubows gedrehter Schulter, Leonids theatralischer Kraftpose, dem wilden Pferdegebrüll von Boris, Warjas gequälter Rastlosigkeit, Charlottas einsamen Purzelbäumen.
Da lacht einer panisch auf, da stoppen Bewegungen, noch bevor sie richtig begonnen haben, da rennen und rasen sie über die Bühne und kommen nicht vom Fleck. Da wird mit Blicken geredet und geheimnisst, was an Ungesagtem im Text steckt. Da wird Lebenstrauer weggelacht und Banales existentiell. Als Zuschauer kommt man mit Schauen manchmal nicht nach, was Hände und Füsse und Augen und Münder alles anstellen – nicht nur dann, wenn Charlotta (Kay Kysela) zaubert.

Choreographien der Aussichtslosigkeit
Und das ist die eigentliche Entdeckung dieses Abends: die erstmals in St.Gallen inszenierende, bereits mehrfach ausgezeichnete Zürcher Regisseurin Mélanie Huber. Sie hat ein musikalisches Auge und Ohr für Kippmomente, Untertöne, Stimmungsumschläge. Und sie erfindet mit dem Ensemble vielgestaltige Choreographien der Aussichtslosigkeit. Exemplarisch dafür ist gleich der erste Auftritt von Ljubow: Diana Dengler rauscht mit ihrer Entourage wie ein Wirbelsturm durch die Tür und erstarrt, rauscht weiter, erstarrt – sinnbildlich für die Stockung, in der die ganze Gesellschaft gefangen ist.

Aktualisierung braucht es da nicht, die Kostüme von Lena Hiebel (samt Ljubows spektakulärer Zopffrisur) treffen die Zeit von damals wie das Heute. Die Bühne von Nora Johanna Gromer deutet reduziert die Rückwand des Landhauses an. Die Schwingtüren bieten Gelegenheit für Auf- und Abtritte in guter alter Slapstickmanier, aber stets punktgenau am Text orientiert.
- Saiten.ch, 14.4.19

Meisterhaft, wie sich die Mitglieder des St.Galler Schauspielensembles in die resignierten Köpfe der Figuren hineinversetzen und ihre unverwirklichten Träume und verstrickten Beziehungskonstellationen darstellen. Besonders der wahnwitzige Gestus und die prägnante Mimik verleihen ihrer Bühnenpräsenz eine hochgradige Intensität. In den wiederholten Aktions-Sequenzen entsteht eine Anspannung zwischen bekemmender Stille und kuriosem Gelächter.
- Junge Theaterkritik, 18.4.19

Manchmal wird es ganz still, geisterhaft wirken die Darsteller dann in Andreas Enzlers hellem Licht, während hinten Martin von Allmen ein verstimmtes Klavier spielt und der schwerhörige Diener Firs gravitätisch über die Bühne schleicht. Oft aber überrascht Mélanie Huber die Zuschauer mit wilder Pantomimik.
- Ostschweiz am Sonntag, 13.4.19

Mélanie Huber setzt dabei nicht nur auf den Text, sondern auch auf Bewegung, und verstärkt so das im Stück angelegte, nervöse Kommen und Gehen. Manche Szene wird zur grotesken Pantomime erweitert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler rücken dem Publikum nah auf den Leib, oft spielen sie weit vorn, den Blick in die Zuschauer gerichtet. Ja, wir sind mitgemeint.
-St.Galler Tagblatt , 13.4.19